Seiteninhalt

Rückblick Corona-K-Fall Landkreis Miesbach

Zahlen & Fakten zu 93 Tagen Katastrophenfall

93 Tage Katastrophenfall liegen hinter den Mitgliedern des Krisenstabs. Eine mehr als nur turbulente Zeit: Als einer der ersten Hotspots in Deutschland wurde der Miesbacher Krisenstabs ins kalte Wasser geworfen. Das Krisenmanagement hat sich jedoch ausgezahlt: Beinahe einen Monat wurden keine Neuinfektionen mehr gemeldet. In der vorerst letzten von über 80 Lagebesprechungen zog der Krisenstab nun ein – vorläufiges – Fazit.

Die Stimmung bei der vorerst letzten Lagebesprechung des Krisenstabes ist beinahe schon ausgelassen: Der Katastrophenfall ist aufgehoben. Es gibt seit einigen Wochen keine Neuinfektionen und keine besonders betroffenen Einrichtungen mehr im Landkreis. Jetzt beginnen die Nacharbeiten und die Aufarbeitung. „Vor meiner ersten Lagebesprechung Anfang Mai hatte ich richtig Bedenken“, gibt Landrat Olaf von Löwis bei der Lagebesprechung zu. Es war der denkbar schwierigste Zeitpunkt für seinen Arbeitsbeginn. „Ich war froh und dankbar, gleich zu Beginn von so viel Fachkompetenz umgeben zu sein“, ergänzt der Landrat.

Seit Mitte Februar schon traf sich die „Koordinierungsgruppe Corona“, bestehend aus Vertretern der niedergelassenen Ärzte, des Krankenhauses Agatharied, des Gesundheitsamtes und des Katastrophenschutzes. Die ersten positiven Fälle, Urlaubsrückkehrer aus Ischgl, wurden in dieser Gruppe noch einzeln diskutiert. Wer saß in der Schule neben wem, wer hat welchen Nachbarn getroffen? Diese Erinnerung lässt die Mitglieder des Krisenstabs inzwischen schmunzeln: Längst hat man Meldeketten optimiert und Aufgaben effizient verteilt.

„Wir sind ins kalte Wasser geworfen worden“, gibt Christian Pölt zu. Als Einsatzleiter Katastrophenschutz hat er in den vergangenen Jahren mit den Mitarbeitern und Kollegen viele Katastrophen-Szenarien real mitgemacht oder zumindest regelmäßig geübt. Schneekatastrophe, Waldbrand, Hochwasser, Stromausfall – das sind die typischen Szenarien. Glücklicherweise nehmen etwa 40 Mitarbeiter des Landratsamtes derzeit an einer mehrjährigen Katastrophenschutz-Fortbildung teil, sodass sofort bestehende Strukturen hochgefahren werden konnten, als Ministerpräsident Söder am 16. März den Katastrophenfall feststellte. Pölts Team hat seitdem 116 Tage Katastrophenschutz-Bereitschaft geleistet und 121 Mal bei der Regierung von Oberbayern Rapport abgeliefert. Der große Unterschied zu den Übungs-Szenarien: Plötzlich geht es um reale Menschenleben. „Die Anspannung bei jedem einzelnen war enorm“, gibt Pölt zu.

Insgesamt haben während des Katastrophenfalls 3.619 Einsatzkräfte im und in direkter Zusammenarbeit mit dem Krisenstab geholfen, die Krise im Landkreis zu bewältigen. Jede Person wird bei jedem Dienstantritt neu gezählt. Hinzu kommen die Helfer unabhängig vom Krisenstab, die beispielsweise im Landratsamt oder in den Gemeindeverwaltungen zusätzliche Aufgaben übernommen haben, um die besonders betroffenen Kollegen zu entlasten. „Jeder war an der Grenze der Leistungsfähigkeit“, sagt Landrat von Löwis.

69 Mitarbeiter aus dem Landratsamt und anderen Behörden meldeten sich freiwillig zur Unterstützung des Katastrophenschutzes, des Gesundheitsamtes und des Contact Tracing Teams. Zu Spitzenzeiten arbeiteten etwa 120 Personen in den Bereichen Katastrophenschutz und Gesundheitsamt. Eine der wichtigsten Aufgaben war das Bürgertelefon. Tausende Bürger aus dem Landkreis nahmen das Angebot der Verwaltung an und kontaktierten das Bürgertelefon bei Fragen oder Verunsicherung. 24 Mitarbeiter des Landratsamtes betreuten die Hotline an bisher über 2.000 Stunden an sieben Tagen pro Woche. 3.466 Überstunden häuften alleine die Mitarbeiter des Landratsamtes durch ihre Unterstützung im Krisenmanagement an.

Mit zu den schwierigsten Herausforderungen zählte die Beschaffung und Verteilung der Persönlichen Schutzausrüstung. 2.051.641,59 € investierte der Landkreis für den Einkauf von Masken, Visieren, Handschuhen und Kitteln für besonders schutzbedürftige Einrichtungen. Kurzfristig musste ein eigenes Team einberufen werden, das sich ausschließlich darum bemühte, auf der ganzen Welt Schutzausrüstung zu vertretbaren Preisen aufzutreiben. Martin Pemler, Leiter des Krisenstabs, leitete auch das „Team Schutzausrüstung“. Er betont: „Durch die guten Kontakte unserer Landkreis-Unternehmer, unter anderem nach Asien und in die Hygiene-Branche, und das hervorragende Netzwerk in unserem Landkreis, konnten wir die Versorgung mit Schutzausrüstung zu jeder Zeit gewährleisten. Es ist dieser Unterstützung zu verdanken, dass die besonders schutzbedürftigen Einrichtungen wie Seniorenheime, Pflegedienste oder Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen, aber auch Ärzte, Pfleger und Arzthelfer stets ausreichend von uns mit dem überlebenswichtigen Schutzmaterial versorgt werden konnten.“

Die „Unterstützungsgruppe Örtlicher Einsatzleiter“ organisierte mit 25 freiwilligen Feuerwehrlern in 1.600 Arbeitsstunden im 24-Stunden-Schichtbetrieb die Verteilung der Schutzausrüstung. Passenderweise wurde das neue Einsatzauto der Unterstützungsgruppe genau eine Woche vor Feststellung des K-Falls geliefert. Durch den größten Einsatz in der Geschichte der UG wurde das Fahrzeug inzwischen auf Herz und Nieren geprüft.

Der THW Ortsverband Miesbach übernahm den Transport und die Lagerung der Schutzausrüstung. 48 Einsatzkräfte legten 17.000 Kilometer zurück, um 43 Tonnen Waren einzulagern und 33 Tonnen Waren zu verteilen. 1.700 Lieferungen organisierte das THW in 5.200 ehrenamtlichen Arbeitsstunden. Mitten in der Krise mussten sie am ersten April-Wochenende ihr Lager komplett neu aufbauen: Der Platz wurde zu klein, die Mengen zu groß.

Der BRK Kreisverband Miesbach und das Krankenhaus Agatharied installierten eigene Krisenstäbe und organisierten die Patientenströme völlig neu. Die Integrierte Leitstelle Rosenheim disponierte von Mitte März bis Mitte Juni 291 Corona-Verdachtstransporte im Landkreis Miesbach.

Auch wenn der Katastrophenfall inzwischen aufgehoben ist und die Akut-Phase des Infektionsgeschehens überstanden ist, ist die Krise für den Krisenstab noch nicht beendet. Beispielsweise läuft das Kontaktpersonenmanagement weiter, wenn beispielsweise ein Landkreisbürger Kontakt mit einer positiv getesteten Person in einem anderen Landkreis hatte. Jetzt müssen die vergangenen Monate nachgearbeitet werden und Verbesserungen für eine mögliche zweite Welle eingearbeitet werden. „Die Zahlen suggerieren eine scheinbare Entspannung, aber die aktuelle Entwicklung in anderen Bundesländern zeigt, wie schnell sich wieder Brennpunkte entwickeln können“, sagt Landrat von Löwis. „Der Spagat zwischen der Verantwortung für die Gesundheit, vor allem die der besonders gefährdeten Mitbürger, und der verständliche Wunsch nach Lockerungen und Normalität, ist sehr schwer zu finden.“ Der Krisenstab möchte einen erneuten Lockdown verhindern und bereitet sich deshalb auf frühzeitige, schnelle Eingriffe vor, sollten sich auch im Landkreis Miesbach wieder Hotspots abzeichnen. Der Krisenstab wird sich deshalb in kleinerer Runde weiterhin eng abstimmen.

Kein Ergebnis gefunden.