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05.02.2018

Eine Firma unter Spannung

Die Kampagne „Made in Miesbach“ startete die Klimaschutzmanagerin des Landratsamtes Miesbach, Veronika Halmbacher. Damit soll die Energiewende voran gebracht werden, heimische Firmen und Produkte vorgestellt werden. Die Geschäftsführung der Firma TEMES in Warngau fühlte sich angesprochen. Sie luden Landrat Wolfgang Rzehak, den Ersten Bürgermeister von Holzkirchen, Olaf von Löwis, Standortmarketing-Gesellschaft-Geschäftsführer Alexander Schmid und Veronika Halmbacher ein. Wichtigstes Produkt war eine Schnell-Ladesäule für E-Autos. Das Produkt aus Warngau übertrifft die Angebote der Konkurrenz – in nur sechs Minuten ist ein Auto geladen. Die Firma TEMES sucht noch Referenzpartner für die Vermarktung.

Maik Hohmann hätte ebenso gut Chinesisch reden können. Der Ingenieur – der sich selbst als „eine Art Daniel Düsentrieb“ beschreibt – erläutert die Vorteile des Produkts: „Es handelt sich um einen Super-Speicher – 5.000 Farad in 16er-Reihen. Jede Zelle ausgestattet mit einem aktiven Balancing Circuit und real-time monitoring, alles weltweit online verfügbar.

Die Zuhörer, allesamt keine Ingenieure, versuchten zu verstehen. Die Firma stellt seit 2004 Leistungselektronik her, so viel ist klar. Das Unternehmen ist sehr spezialisiert in Bahn-, Speicher - und Forschungstechnik. Das Fachwissen ist überragend. Die Firma leistet selbst nur wenig Fertigung, sondern Prototypenbau. Als hidden champion beschäftigt das Unternehmen nur 20 Mitarbeiter in Warngau; doch diese haben wenige, hochspezialisierte Projekte, die auf der ganzen Welt gefragt sind. Die Produkte der Firma sind Weltspitze, aber es fehlt das Marketing, um diese Produkte durchzusetzen. Um technische Standards zu definieren, braucht eine Firma politischen Einfluss.

Sehr schnell sehr viel Energie

TEMES kommt immer in´s Spiel, wenn sehr schnell sehr viel Energie benötigt wird. Zum Beispiel gilt dies für eine Achterbahn, die in drei Sekunden auf 80 Stundenkilometer beschleunigt werden muss. „Wir können gewaltige Energieimpulse in kürzester Zeit zur Verfügung stellen“, so erklärt es Peter Lesewa, der zuständige Manager. Die Firma aus Warngau ist darum an Achterbahnen in Belgien, China, Malaysia und USA beteiligt. „Wir können die Anlage von Warngau aus online überwachen, steuern, einstellen. Eine Alterung können wir so feststellen und dann die Speicherzellen austauschen lassen“, sagt Hohmann.

Kein Ergebnis gefunden.

Auch in Zügen kommt die Speichertechnologie aus Warngau zum Zuge. Allerdings nicht im Oberland, sondern an der Westküste der USA in den Städten Portland und Seattle. Die dort eingesetzten Speichermodule nehmen die Energie bei Bremsvorgängen wieder auf, die sogenannte Rekuperation. Die Firma würde das Engagement in den USA gerne noch weiter ausbauen. Die Verkaufsargumente sind gut, denn die Investition zahlt sich in fünf Jahren zurück (return on investment). Darum hat TEMES schon seit 2008 eine Zweigstelle in den USA, nahe der Stadt New York.

Die Warngauer glauben an einen wachsenden Markt in Asien und Nordamerika. Bisher machen sie 42 Prozent des Umsatzes in Europa, 35 Prozent in Nordamerika und 23 Prozent in Asien.

Um das Ganze greifbarer zu machen, dürfen die Politiker einen der Speicher in die Hand nehmen. Bürgermeister Olaf von Löwis kann das CD-große Gerät leicht heben. Ein Super-Cap-Kondensator. „Cap“ steht für „Capacitor“ - Kondensator. „Neun dieser Speicher Einheiten können einen Nahverkehrszug beschleunigen“, erklärt der Ingenieur, „es ist ein Kurzzeitspeicher für Energiespitzen. Während ein konventioneller Akku bereits viel früher ausgetauscht werden muss, kann dieses Gerät 1,5 Millionen Mal geladen werden“.

Ladesäule könnte weltweit ein Erfolg werden

Doch ein anderes Exponat weckt noch stärkeres Interesse: Das schwarze Teil erinnert an den Tankrüssel an einer Zapfsäule. Und genau das ist es auch: Allerdings könnten hier die modernen E-Autos der Zukunft aufgeladen werden. Die Konzepte für eine E-Schnell-Ladesäule hat die Firma fertig in der Schublade. Das Produkt aus Warngau ist allen anderen Angeboten am Markt weit überlegen – in nur sechs Minuten könnten die Fahrzeuge geladen werden.

„Im weltweiten Wettbewerb ist es leider so, dass sich nicht die Firma mit der besten technischen Lösung durchsetzt“, kommentiert SMG-Geschäftsführer Alexander Schmid, „sondern es setzt sich die Firma durch, die die Industrie-Standards setzen kann“.

Landkreis und Gemeindewerke als Referenzpartner?

Landrat Wolfgang Rzehak ist sofort von der Idee begeistert: „Wenn wir hier die Chance auf diese überzeugende technische Innovation von einem mittelständigen Unternehmen aus dem Landkreis Miesbach haben, dann sollten wir das unterstützen! Wir werden bestimmt eine Möglichkeit finden, um der Technik den Weg zu ebnen. Das wäre ein wichtiges Signal für die Energiewende.“ Der Landrat will nun Einsatzmöglichkeiten mit der Landkreisverwaltung als Referenzpartner prüfen lassen. Andere Ansprechpartner wären Gemeindewerke oder Stadtwerke. Zusammen mit der SMG soll bald ein Runder Tisch mit Experten eingerichtet werden, um über die erfolgversprechende Technik zu beraten.

Der Landrat brachte die Idee einer E-Tankstelle neben der Geothermie-Bohrung in Holzkirchen in das Gespräch. „Auch elektrische Speicher für die Stabilisierung der Geothermie sind denkbar“, warf TEMES-Manager Hohmann ein. Der Erste Bürgermeister Olaf von Löwis war gleich offen für die Anregungen. Er führte aus, dass so eine E-Tankstelle einen Kundenstamm nach Holzkirchen ziehen würde. Selbst bei einer Tankdauer von nur sechs Minuten könnten dann möglicherweise andere Gewerbe profitieren, wie Gaststätten. „Wie viel Platz braucht so eine E-Tankstelle?“ wollte er gleich konkret wissen. „Nur eine geringe Fläche, wie ein Schaltschrank“, war die Antwort.

Die Säule wird 30.000 Euro kosten, 40 Prozent der Gesamtkosten können vom „Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur“ gefördert werden. Mit Montage, Installation und Abnahmen belaufen sich die Kosten auf 60.000 Euro.

Das Design einer möglichen Ladesäule ist noch offen. Es ist auf jeden Fall bewiesen, dass die Firma TEMES auf robuste Technik spezialisiert ist. Dazu führte Hohmann die Gäste in „unsere Bastelwerkstatt“. Er versprach einen spannenden Besuch – bis zu 1.000 Volt hatten manche der getesteten Photovoltaik-Anlagen. Den Hinweis „besser nichts anfassen“ verstanden alle ohne Ingenieursstudium.

Extreme Klimabedingungen mit heftigen Schwankungen

„Erzähl noch Deine Lieblings-Geschichte“, forderte General Managerin Anja Leutenbauer-Thum von Hohmann. Und so erzählte der von dem Zug, der die ganze Nacht bei minus 68 Grad Celsius am Ostufer des Baikalsees stand. Am Morgen lief nur noch die Systemkomponente von TEMES aus Warngau. „Wir waren selbst begeistert“, sagt Hohmann.

Die neue Ladesäule wird also sicher hart im Nehmen sein. Falls es gelingt, Standards zu setzen, könnte sie eine weltweite Erfolgsgeschichte werden– diese kann dann auf Deutsch erzählt werden, auf Englisch. Und auch gegen Chinesisch hätte dann niemand etwas einzuwenden.