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Gastbeitrag:
Nach und nach nachhaltiger

Gastbeitrag von Leopold Wagner im Rahmen des Journalistenwettbewerb der young leaders GmbH


Es ist Anfang August, Traumwetter: Ich möchte mit dem Mountainbike einen Ausflug in die Berge unternehmen, Ausgangspunkt soll Bayrischzell sein. Es ist noch früh, 7:30 Uhr, und ich mache mich von meinem Wohnort Großhartpenning auf den Weg zum Holzkirchner Bahnhof, um noch einen Platz für mein Rad in der BRB (Bayerische Regiobahn) zu bekommen. Ich bin also rechtzeitig dort, um Punkt acht fährt meine anvisierte Bahn, und sie kommt sogar pünktlich. Doch schnell folgt die Ernüchterung: Das Radlabteil ist bereits maßlos überfüllt, mir bleibt nichts anderes übrig als auf den nächsten Zug zu warten. Der kommt um 8:30 Uhr, doch – oh Schreck – fährt nur bis Schliersee. Egal, rein da, den Rest werde ich ja wohl mit dem Rad schaffen. Zusammengepfercht mit den Münchner Fahrgästen, die auf keinen Fall Klaustrophobie haben dürfen, geht es jetzt zum Schliersee. Geschafft - fehlt nur noch der letzte Teil bis Bayrischzell, ein kurzer Blick auf Google Maps, wie finde ich zum hoffentlich existierenden Radweg? Doch Google Maps kennt keinen Radweg, und so bleibt mir nichts anderes als die landschaftlich zwar reizvolle, aber immer und besonders heute sehr befahrene B 307.

Ankunftszeit in Bayrischzell: 10:13 Uhr. Wenn ich von Großhartpenning einfach gleich mit dem Auto gefahren wäre, hätte ich eine knappe Dreiviertelstunde gebraucht, Ankunftszeit wäre in dem Fall 8:28 Uhr gewesen. Eineinhalb Stunden früher also.

Dieses fiktive Szenario macht das Dilemma bei der Nutzung des ÖPNV im Landkreis Miesbach deutlich, das Bergsteiger und Radfahrer, aber ebenso Schüler und Berufspendler eher entmutigt, die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen. Doch auch wenn nach wie vor Herausforderungen bestehen, hat sich die Situation in den letzten Jahren deutlich verbessert. So wurde in Holzkirchen im Juni 2022 der Teufelsgraben-Radweg als Verbindung nach Otterfing eröffnet, und nur wenige Monate später nahm der Rufbus Hoki den Verkehr in Holzkirchen auf, der 2024 auf die Nachbargemeinden Otterfing, Valley und Warngau ausgeweitet wurde.

Beide Angebote sind Ergebnisse des integrierten Mobilitätskonzeptes von 2017, das seither als Basis für die Verkehrsprojekte in der Marktgemeinde dient. Umfangreiche Analysen machten damals die Dominanz des Kfz-Verkehrs in Holzkirchen deutlich und zeigten darüber hinaus auf, dass die auf mehrere Linien verteilten Ortsbusse aufgrund ihrer fehlenden Attraktivität kaum genutzt wurden. Als dringend notwendig wurde auch der Ausbau der Radinfrastruktur angesehen. Sowohl der besagte Radweg als auch der Hoki-Bus mit mehr als 67.000 Fahrgästen im vergangenen Jahr kommen bei den Holzkirchnern sehr gut an.

Genau wie in der rund 17.000 Einwohner zählenden Gemeinde vor neun Jahren hat nun auch der Landkreis Miesbach ein Integriertes Mobilitätskonzept entwickeln lassen. Dessen Präsentation am Tag der Mobilität im Rahmen des Klimafrühlings Oberland in der Kreisstadt wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Die Verlagerung des Verkehrs vom Pkw auf Fahrrad und ÖPNV ist freilich auch im Landkreis ein zentrales Thema, entfallen doch 57 Prozent der landkreisweiten Emissionen laut der Studie auf den Verkehr, wovon wiederum 64 Prozent Autos ausmachen. Zum Vergleich: In ganz Deutschland sind nur 22 Prozent der Emissionen dem Verkehr zuzuordnen.

Eine wichtige Änderung stellt die für 2027 geplante Verlagerung des Busverkehrs von den bisher zuständigen Verkehrsunternehmen auf den Landkreis selbst dar, der das Netz weiter den Bedürfnissen der Bürger anpassen will. Auch die schrittweise Ausweitung der Busverbindungen spielt dabei eine zentrale Rolle: Bereits im Dezember erfolgte die Inbetriebnahme der Alpenbusse, die in drei Linien zwischen Murnau a. Staffelsee und Rosenheim verkehren und Erleichterungen für Pendler und Ausflügler bringen, die nun nicht mehr in München umsteigen müssen. 

Auch wenn im Kreisgebiet bereits viel umgesetzt wurde, betonte der scheidende Miesbacher Landrat Olaf von Löwis im Gespräch mit mir die finanziellen Herausforderungen, die mit der Umsetzung nachhaltiger Mobilität für den Landkreis verbunden seien: „Das Geld ist einfach zu knapp.“ So sei der ÖPNV derzeit noch zu teuer, der Anreiz damit zu niedrig. „Da nehmen die Menschen dann doch lieber das Auto, das ja eh schon da ist.“

Ausschlaggebend für eine tatsächliche Veränderung im Verhalten der Menschen sei vor allem ein Bewusstseinswandel, wie mir die Mobilitätsbeauftragte des Landkreises, Andrea Ladewig, erklärte. Die Menschen müssten „positive Erfahrungen“ mit den öffentlichen Verkehrsmitteln machen. „Ich will dich im Bus sehen“, schob sie in Richtung Löwis nach, der selbst klarstellte: „Ich muss Vorbild sein.“ Dieser Bewusstseinswandel ist eine große Herausforderung; es sollen deshalb weitere ähnliche Veranstaltungen folgen, um die Bevölkerung zu motivieren, die eigenen Gewohnheiten in Frage zu stellen.

Wie ein gelungenes ÖPNV-Angebot für kleinere Kommunen aussehen kann, macht derweil die Gemeinde Waakirchen vor, die am Tag der Mobilität ihren Bürgerbus vorstellte: Im Gegensatz zum Hoki-Bus handelt es sich dabei um keinen On-Demand-Service, sondern um einen Kleinbus, der tagsüber stündlich auf einer festen Route verkehrt – kostenlos für alle Fahrgäste. Die Gemeinde kann dabei auf aktuell 43 ehrenamtliche Fahrer zurückgreifen und hält die Gesamtkosten so vergleichsweise niedrig.

Im Landkreis gibt es also durchaus Beispiele, die zeigen, in welche Richtung sich Mobilität in Zukunft entwickeln kann. Auch wenn der Individualverkehr in den Hintergrund rücken soll, werden weiterhin Lösungen gesucht, um ihn nachhaltiger zu gestalten. Auf dem 205. jugend presse kongress in Berlin durfte ich verschiedene Ansätze in diesem Bereich kennenlernen, die von Experten erklärt wurden. Die Veranstaltung wurde von der young leaders GmbH organisiert, die Jugendliche fördert, die im Ehrenamt Verantwortung übernehmen. In Zusammenarbeit mit dem Bundesverkehrsministerium standen auch die Entwicklung der Automobilindustrie sowie alternative Kraftstoffe im Fokus. So durfte ich dort viele aufgeschlossene Jugendliche kennenlernen, und die Stimmung war trotz der vielen thematisierten Herausforderungen von Zuversicht geprägt. Es bleibt also zu hoffen, dass der Tatendrang der Teilnehmer mit ihren vielfältigen Ideen zu einer nachhaltigen Zukunft der Mobilität beitragen wird.

Die wird sich in den nächsten Jahren weiter wandeln, jede kleine Veränderung trägt zu einem nachhaltigeren Gesamtbild bei. Und so könnte es bald nicht nur für die Strecke zwischen Holzkirchen und Otterfing, sondern auch zwischen Schliersee und Bayrischzell verschiedene autofreie Möglichkeiten geben – doch bis die unleidliche Situation aus dem Eingangsszenario so angenehm gelöst werden kann, dass der Durchschnittsbürger mit Überzeugung aufs Auto verzichtet, wird es wohl noch einige Zeit dauern.

Leopold Wagner